Peter Tuma / Ulrich Eller

stills & sounds

KUBUS Hannover 6.9.2008

 

 

 

 

Peter Tuma / Ulrich Eller – stills & sounds, zwei Freunde stellen aus, Maler und Zeichner der eine, Klangkünstler der andere. Sie kennen sich lange, schätzen ihr jeweils doch sehr anderes Werk und gehen – auch in dieser Ausstellung – davon aus, dass es in einer gemeinsamen Ausstellung neu kommentiert wird und also anders erfahren werden kann. Auf der Einladungskarte haben sie auf Gleichgewicht und Gleichklang geachtet, beim Titel stills & soundsschaffen die pluralen Endungen auch phonetisch Harmonie. So wird es hoffentlich nicht weiter gehen. Schauen wir genauer hin und beginnen mit dem Werk des älteren. Peter Tuma, der in diesem Jahr 70 geworden ist, stellt neben einigen älteren vor allem neue Arbeiten aus, Leinwandbilder, aber auch Arbeiten auf Karton, einige Serien bzw. Tableaux. In den Vordergründen der Bilder erkennen wir oft vertraute Motive, Gegenstände unserer Waren- und Medienwelt: Vasen, Schalen, Becher, Schüsseln, dann aber auch merkwürdige Schachteln, Schränke, Gehäuse … und Comics, genauer Details aus Comics. Früher hat man gerne gesagt: Kunst entsteht aus Kunst oder etwas später dann: Kunst entsteht aus Kunstkatalogen. Peter Tuma gibt ungeniert zu: meine Motive finde ich in Versandhauskatalogen, Baumarktprospekten, mich erregen die Umrisszeichnungen technischer Geräte oft mehr als die so genannten Meisterwerke der Moderne, einzelne Comiczeichnungen ersetzen mir ganze Porträtgalerien. Doch ohne die Geschichte der Moderne kommt auch Peter Tuma nicht aus, denn ein unbefangener Umgang mit den Ikonen des Alltags ist seit den Bild-Collagen der Kubisten oder (in Hannover muss man daran einfach erinnern) ohne Schwitters und der bekannten Realität des Banalen, wie sie die Pop Art bildwürdig gemacht hat,  gängige Kunstpraxis. Die Eigenständigkeit dieser pathetischen Stillleben von Peter Tuma liegt auf einem anderen Feld, sie liegt in ihrer Kombinatorik und in der Qualität der Malerei. Peter Tuma kombiniert seine Alltagsgegenstände mit japanischen Motiven. Henrike Junge, die Kollegin aus Wolfenbüttel und Kuratorin einer früheren Ausstellung Tuma / Eller mit dem gleichen Titel stills & sounds beschreibt diese Kombinatorik wie folgt: „Bonsai, Kirschblüte, Bambus, Manga, Sushi und schließlich Sony … sind als Mythen des globalen Alltags in die Massenkultur eingegangen. Tumas Repertoire an Versatzstücken … mischt der Japankenner und –liebhaber immer wieder anders und verwendet dabei vorwiegend Methoden, die ebenfalls dem Bereich der Massenkultur entstammen, zum Beispiel Schablonieren, Kontern, Negativieren, unterschiedliches Einfärben, mit Schrift ergänzen und anderes mehr aus dem Gebiet des Kommunikationsdesigns.“

 

Die Motive und Gegenstände in den Bildern von Peter Tuma bewegen sich gleichsam auf einem west-östlichen Diwan, auf diesem sprechen sie miteinander, mal aus größerer Distanz, dann wieder ganz nahe beieinander und verschlungen. Aber es bleibt ein abendländischer Kommentar, denn Bilder bestehen nicht nur aus Motiven, Bilder wie diese sind Malerei, die zu lesen und zu würdigen ist und die genauso wichtig ist, wie das Nachdenken über den Dialog zwischen einem Bonsaibäumchen und dem technischen Gerät unbekannter Herkunft. Malerei und Zeichnung tragen mit dem ganzen Spektrum ihrer Möglichkeiten Tumas Welt und das ist – in Umkehrung eines kürzlich gewählten Ausstellungstitels – „Der Westen und Japan“.

 

 

Bleibt abschließend die Frage, ob die Stillleben von Peter Tuma und die Geräusche von Ulrich Eller in einer Ausstellung etwas Drittes ergeben, immerhin stellen sie nun schon zum dritten mal zusammen aus, scheinen also Gefallen an einem Zusammentreffen ihrer Werke gefunden zu haben. Zunächst wird man sagen können, dass die Arbeiten sich nicht im Wege sind, sich gegenseitig auch nicht beeinträchtigen. Die Bilder sind an der Wand, die Objekte stehen im Raum. Das tut der Ausstellung als Ausstellung gut. Aber es ist noch etwas anderes. Indem das Werk von Peter Tuma wie das von Ulrich Eller kombinatorisch ist: Europa – Japan, das Malerische gegen die Schablonenzeichnung, das Schachbretttableau als Bildthema bei Tuma; Objekt gegen (oder mit) Klang, Schreiberäusche anstelle von Trommelwirbel bei Eller, führen sie uns anschaulich vor, dass das Zeitgenössische (und Kombinatorik ist zeitgenössisch) in jedem Material, in jeder Technik, in jeder Kunstgattung ausgedrückt werden kann.

 

Liebe Freunde, Ihr solltet deshalb nicht aufhören, uns hin und wieder eure neuen Arbeiten in einer Ausstellung zu zeigen 

 

 

Text : Michael Schwarz

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "stills 6 sounds", 06.09.08

KUBUS Städtische Galerie Hannover.

 

 

Peter Tuma: Stills

 

Bonsai, Kirschblüte, Bambus, Manga, Sushi und schließlich Sony - diese japanischen Begriffe kennt auch im Westen jedes Kind. Sie sind als Mythen des globalen Alltags in die Massenkultur eingegangen. Zu einer Art Japan-Pop verarbeitet sie der Maler und Zeichner Peter Tuma, der lange Jahre an der Fachhochschule Hannover Malerei lehrte. Sein Repertoire an Versatzstücken aus dieser Japan-Pop-Welt mischt der Japan-Kenner und -liebhaber immer wieder anders und verwendet dabei vorwiegend Methoden, die ebenfalls dem Bereich der Massenkultur entstammen, zum Beispiel Schablonieren, Kontern, Negativieren, unterschiedliches Einfärben, mit Schrift Ergänzen und anderes mehr aus dem Gebiet des Kommunikationsdesigns. So entstehen „Stills“, stilllebenhafte Kompositionen, die jedoch nicht als traditonell-westliche Zusammenstellungen von Gegenständen gebaut sind.

Die Bilder weisen überwiegend einfache, gleichermaßen dem Archaischen wie der Moderne zugehörige Strukturen auf wie Reihungen und Raster, im Bild selbst und aus Einzelbildern zu Tableaus kombiniert. Mitunter erinnern sie an Tapeten und berühren damit den Bereich von Muster und Ornament. Aber häufig grenzen sie auch an die fernöstliche Kunst der Kalligraphie und präsentieren die Handschrift des Zeichners.

So einfach Tumas Bilder zunächst erscheinen mögen, so überzeugend sind sie als Crossover mit der Bildsprache der Hochkunst konzipiert. An einer abstrakten, jeglicher Funktion entkleideten Gefäßform beispielsweise wird das ganze Repertoire an räumlicher und flächiger, jeweils einander konterkarierender Darstellungsweise in kleinen Einzelbildern vorgeführt und wie ein didaktisches Tableau komponiert.

In anderen Bildern gehen präzise Konturen im linearen Stil mit fleckhaft-malerischen Elementen einher, schablonenhaft klar konturierte verbinden sich mit handschriftlich ephemeren Setzungen. Tuma ist Maler ebenso wie Zeichner; er liebt das Schwarz und verwendet vulgäre Industriefarben in eigentümlich gebrochenen Farbtönen, die dem exotischen Formrepertoire gut stehen, Inkarnatrosa, ins Giftige strebendes Gelb und das depressive Green der amerikanischen 1920er Jahre. Lackrot schließlich, eine Lieblingsfarbe dieser am Fernen Osten interessierten Westkultur darf nicht fehlen.

Tumas Verehrung der japanischen Kulturtradition geht einher mit seinem Erschrecken vor dieser gewaltigen Ästhetik. In seinen Bildern findet er einen zeitgemäßen Ausgleich: pathetische Stillleben.

 

 

Text : Henrike Junge-Gent